Donnerstag, 2. Mai 2024

Ein neuer Präsident fürs Tierreich

Müde hob die Schildkröte den Kopf. Sie lag auf einem Haufen Blätter, um es ein bisschen bequemer zu haben. Obgleich von Natur aus schon langsam und bedächtig, fühlte sie doch, dass ihre Zeit gekommen war. Mehr als 100 Jahre war die Riesenschildkröte bereits auf der Erde unterwegs. Seit 50 Jahren zog sie als Präsident die Fäden im Tierreich. „Kann ich dir etwas helfen?“, fragte eine kleinere Landschildkröte hilfsbereit. Sie schob der Riesenschildkröte ein paar frische Blätter hin. Doch diese schüttelte nur den Kopf: „Nein, danke. Aber du kannst mir auf andere Weise helfen.“ Die Landschildkröte nickte eifrig. „Ja, gerne.“ Aus den Augen der Riesenschildkröte blitzte es entschlossen. Mehrere Tage schon hatte sie nachgedacht und war nun bereit, ihren Entschluss mitzuteilen. „Bitte, rufe alle Tiere des Reiches zusammen, die Großen und die Kleinen, Tiere zu Land und zu Wasser. Ich muss euch allen etwas mitteilen.“ Eifrig nickte die Landschildkröte mit dem Kopf.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht im ganzen Tierreich. Die Präsidentin, die Riesenschildkröte, hatte alle Tiere zu einer Versammlung einberufen. Neugierig strömten die Tiere von Nah und Fern zur Wohnstätte der Präsidentin. Aus allen Winkeln krabbelte, flog, schwamm und lief es zu der Meerenge, an der die Riesenschildkröte lebte. Was wollte sie wohl mitteilen?

Dicht gedrängt standen die Tiere am Ufer. Im seichten Wasser schwammen die Fische hin und her, weiter draußen zogen Wale, Delfine und Haie ihre Bahnen, vorwitzige Krebse krabbelten im Sand. Am Strand selbst standen Elefanten neben Antilopen, Katzen beäugten misstrauisch die vielen Hunde, Mäuse und Maulwürfe lugten aus Löchern hervor. Man musste aufpassen, wo man hintrat, Schlangen schlängelten sich, kleine Käfer wichen den vielen Pfoten, Hufen und anderen Gefahrenquellen aus und in der Luft summte, zwitscherte und krähte es. Es war ein heilloses Durcheinander an Farben, Formen, Größen und Geräuschen.

Mühsam erklomm die Riesenschildkröte einen großen Felsen. Oben angekommen, richtete sie den Blick auf das tierische Treiben. Würdevoll erhob sie den Kopf. Mit einem Schlag wurde es leise. Wie gebannt starrten die Tiere auf ihre Präsidentin.



„Ich bin alt geworden“, begann die Riesenschildkröte. „Viele Jahre schon bin ich eure Präsidentin und sorge mich um euer Wohlergehen. Doch langsam spüre ich, dass meine Zeit gekommen ist, die Geschicke des Tierreiches in andere Hände zu legen.“

Kein Laut war zunächst zu hören. Es schien, als müssten die Tiere diese ungeheuerliche Nachricht erst einmal verdauen. Doch dann brach ein Sturm hervor. Alle Tiere schrien, meckerten, krächzten und fauchten, Erstaunen mischte sich mit Ratlosigkeit und Überraschung. Doch auch andere Blicke wurden zwischen den Tieren gewechselt. In den Gesichtern der Hyänen kam Berechnung auf, Stolz funkelte in den Augen der Löwen, Neugierde war in der Haltung der Anakonda zu sehen. Das Stimmengewirr war ohrenbetäubend. Doch endlich schaffte es die kleine Landschildkröte, sich Gehör zu verschaffen. Sie war ebenfalls auf den Felsen neben die Riesenschildkröte gekrabbelt und rief laut und deutlich: „Und wer wird der Nachfolger? Wir brauchen doch einen Präsidenten!“ Wieder wurde alles still. Doch wieder nur für kurze Zeit, denn wieder versuchte ein Tier, das andere zu übertonen. „Mich nennt man auch den König der Tiere“, brüllte der Löwe. „Ich bin der rechtmäßige Nachfolger.“ „Nein“, widersprach der Gepard. „Ein neuer Präsident sollte schnell und furchtlos sein. Ich bin dafür, dass wir ein Wettrennen machen. Der Schnellste gewinnt.“ Die Hyäne unterbrach den Gepard. „Wir brauchen einen Präsidenten, der auch mit List und Tücke vorangeht.“ Das Faultier winkte ab. „Wozu brauchen wir überhaupt einen Präsidenten? Ich habe keine Lust mehr, mir von irgendjemandem vorschreiben zu lassen, was ich zu tun habe. Ich möchte mich nicht mehr an Regeln halten“, verkündete das Faultier.

Und so schrien alle durcheinander. Doch plötzlich durchdrang eine leise, aber doch auch mutige Stimme das Gewirr. „Was haben wir von einem Präsidenten, der stark und schnell ist? Was haben wir von einem Präsidenten, der nur auf das eigene Wohlergehen achtet?“, fragte die Ameise. „Muss ein Präsident nicht auch weise Entscheidungen treffen, die uns durch schwere Zeiten führen? Denkt doch an die große Dürre zurück, die unsere Welt vor einigen Jahren heimgesucht hat. Nur durch unser Miteinander sind wir nicht verdurstet. Die Elefanten haben Steine für den Brunnenbau getragen, die Maulwürfe haben die Löcher für die Brunnen gegraben, die Bienen haben uns mit Nahrung versorgt. Und so hat jedes Tier seinen Teil dazu beigetragen, dass wir weiterleben dürfen.“ Höhnisch lachten die Hyänen auf. „Genau, und weil ein Teil des Landes vertrocknet ist, müssen wir unsere Brunnen hier nun mit anderen teilen.“ Die Riesenschildkröte hatte lange geschwiegen, doch jetzt hob sie wieder den Kopf. „Seid ruhig“, forderte sie die Hyänen sanft, aber bestimmt, auf. „Die Ameise hat recht. Nur wenn alle zusammenhalten, klappt unser Miteinander.“ Die übrigen Tiere nickten zustimmend. „Ja, ein neuer Präsident muss uns alle überzeugen können, uns alle vereinen“, dröhnte die Stimme des Blauwales vom offenen Meer zum Strand hin und bewegte seine Schwanzflosse so sehr, dass eine große Welle auf den Strand schwappte. Einige Tiere wurden dabei nass, kichernd begannen die Jungtiere am Strand eine Wasserschlacht am seichten Ufer, während die älteren Tiere erschrocken zur Seite sprangen.

„Ruhe“, gebot die Riesenschildkröte dem Treiben am Strand Einhalt. „So ist es entschieden: der künftige Präsident muss uns alle überzeugen können. Potentielle Kandidaten sollen ab morgen für sich werben dürfen, die Wahl selbst wird heute in zwei Wochen stattfinden. Jeder Wähler hat eine Stimme, es gibt Wahllokale zu Land, zu Wasser und in der Luft.“

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