Müde hob die Schildkröte den Kopf. Sie lag auf einem Haufen
Blätter, um es ein bisschen bequemer zu haben. Obgleich von Natur aus schon
langsam und bedächtig, fühlte sie doch, dass ihre Zeit gekommen war. Mehr als
100 Jahre war die Riesenschildkröte bereits auf der Erde unterwegs. Seit 50
Jahren zog sie als Präsident die Fäden im Tierreich. „Kann ich dir etwas
helfen?“, fragte eine kleinere Landschildkröte hilfsbereit. Sie schob der
Riesenschildkröte ein paar frische Blätter hin. Doch diese schüttelte nur den
Kopf: „Nein, danke. Aber du kannst mir auf andere Weise helfen.“ Die
Landschildkröte nickte eifrig. „Ja, gerne.“ Aus den Augen der Riesenschildkröte
blitzte es entschlossen. Mehrere Tage schon hatte sie nachgedacht und war nun
bereit, ihren Entschluss mitzuteilen. „Bitte, rufe alle Tiere des Reiches
zusammen, die Großen und die Kleinen, Tiere zu Land und zu Wasser. Ich muss
euch allen etwas mitteilen.“ Eifrig nickte die Landschildkröte mit dem Kopf.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht im ganzen
Tierreich. Die Präsidentin, die Riesenschildkröte, hatte alle Tiere zu einer
Versammlung einberufen. Neugierig strömten die Tiere von Nah und Fern zur
Wohnstätte der Präsidentin. Aus allen Winkeln krabbelte, flog, schwamm und lief
es zu der Meerenge, an der die Riesenschildkröte lebte. Was wollte sie wohl
mitteilen?
Dicht gedrängt standen die Tiere am Ufer. Im seichten Wasser
schwammen die Fische hin und her, weiter draußen zogen Wale, Delfine und Haie
ihre Bahnen, vorwitzige Krebse krabbelten im Sand. Am Strand selbst standen
Elefanten neben Antilopen, Katzen beäugten misstrauisch die vielen Hunde, Mäuse
und Maulwürfe lugten aus Löchern hervor. Man musste aufpassen, wo man hintrat,
Schlangen schlängelten sich, kleine Käfer wichen den vielen Pfoten, Hufen und
anderen Gefahrenquellen aus und in der Luft summte, zwitscherte und krähte es.
Es war ein heilloses Durcheinander an Farben, Formen, Größen und Geräuschen.
Mühsam erklomm die Riesenschildkröte einen großen Felsen.
Oben angekommen, richtete sie den Blick auf das tierische Treiben. Würdevoll
erhob sie den Kopf. Mit einem Schlag wurde es leise. Wie gebannt starrten die
Tiere auf ihre Präsidentin.
„Ich bin alt geworden“, begann die Riesenschildkröte. „Viele
Jahre schon bin ich eure Präsidentin und sorge mich um euer Wohlergehen. Doch
langsam spüre ich, dass meine Zeit gekommen ist, die Geschicke des Tierreiches
in andere Hände zu legen.“

Kein Laut war zunächst zu hören. Es schien, als müssten die
Tiere diese ungeheuerliche Nachricht erst einmal verdauen. Doch dann brach ein
Sturm hervor. Alle Tiere schrien, meckerten, krächzten und fauchten, Erstaunen
mischte sich mit Ratlosigkeit und Überraschung. Doch auch andere Blicke wurden
zwischen den Tieren gewechselt. In den Gesichtern der Hyänen kam Berechnung
auf, Stolz funkelte in den Augen der Löwen, Neugierde war in der Haltung der
Anakonda zu sehen. Das Stimmengewirr war ohrenbetäubend. Doch endlich schaffte
es die kleine Landschildkröte, sich Gehör zu verschaffen. Sie war ebenfalls auf
den Felsen neben die Riesenschildkröte gekrabbelt und rief laut und deutlich:
„Und wer wird der Nachfolger? Wir brauchen doch einen Präsidenten!“ Wieder wurde
alles still. Doch wieder nur für kurze Zeit, denn wieder versuchte ein Tier,
das andere zu übertonen. „Mich nennt man auch den König der Tiere“, brüllte der
Löwe. „Ich bin der rechtmäßige Nachfolger.“ „Nein“, widersprach der Gepard.
„Ein neuer Präsident sollte schnell und furchtlos sein. Ich bin dafür, dass wir
ein Wettrennen machen. Der Schnellste gewinnt.“ Die Hyäne unterbrach den
Gepard. „Wir brauchen einen Präsidenten, der auch mit List und Tücke
vorangeht.“ Das Faultier winkte ab. „Wozu brauchen wir überhaupt einen
Präsidenten? Ich habe keine Lust mehr, mir von irgendjemandem vorschreiben zu
lassen, was ich zu tun habe. Ich möchte mich nicht mehr an Regeln halten“,
verkündete das Faultier.
Und so schrien alle durcheinander. Doch plötzlich durchdrang
eine leise, aber doch auch mutige Stimme das Gewirr. „Was haben wir von einem
Präsidenten, der stark und schnell ist? Was haben wir von einem Präsidenten,
der nur auf das eigene Wohlergehen achtet?“, fragte die Ameise. „Muss ein
Präsident nicht auch weise Entscheidungen treffen, die uns durch schwere Zeiten
führen? Denkt doch an die große Dürre zurück, die unsere Welt vor einigen
Jahren heimgesucht hat. Nur durch unser Miteinander sind wir nicht verdurstet.
Die Elefanten haben Steine für den Brunnenbau getragen, die Maulwürfe haben die
Löcher für die Brunnen gegraben, die Bienen haben uns mit Nahrung versorgt. Und
so hat jedes Tier seinen Teil dazu beigetragen, dass wir weiterleben dürfen.“
Höhnisch lachten die Hyänen auf. „Genau, und weil ein Teil des Landes
vertrocknet ist, müssen wir unsere Brunnen hier nun mit anderen teilen.“ Die
Riesenschildkröte hatte lange geschwiegen, doch jetzt hob sie wieder den Kopf.
„Seid ruhig“, forderte sie die Hyänen sanft, aber bestimmt, auf. „Die Ameise
hat recht. Nur wenn alle zusammenhalten, klappt unser Miteinander.“ Die übrigen
Tiere nickten zustimmend. „Ja, ein neuer Präsident muss uns alle überzeugen
können, uns alle vereinen“, dröhnte die Stimme des Blauwales vom offenen Meer
zum Strand hin und bewegte seine Schwanzflosse so sehr, dass eine große Welle
auf den Strand schwappte. Einige Tiere wurden dabei nass, kichernd begannen die
Jungtiere am Strand eine Wasserschlacht am seichten Ufer, während die älteren
Tiere erschrocken zur Seite sprangen.
„Ruhe“, gebot die Riesenschildkröte dem Treiben am Strand
Einhalt. „So ist es entschieden: der künftige Präsident muss uns alle
überzeugen können. Potentielle Kandidaten sollen ab morgen für sich werben
dürfen, die Wahl selbst wird heute in zwei Wochen stattfinden. Jeder Wähler hat
eine Stimme, es gibt Wahllokale zu Land, zu Wasser und in der Luft.“