Donnerstag, 2. Mai 2024

Die Wahl nimmt Gestalt an

Ein Murmeln ging durch die Tiere. Wieder wurden Zwischenrufe laut. „Aber kann ein Landtier uns Wassertiere wirklich so gut vertreten?“, verschaffte sich die Forelle Gehör. Der Adler stimmt ihr zu: „Stimmt, mit der Riesenschildkröte waren bislang Land und Wasser abgedeckt. Schön wäre es aber auch, wenn man sich mehr für die Belange von uns Vögeln interessiert.“ Es begann zu summen und ein Bienenschwarm erhob sich. Umringt von ihrem Hofstaat meldete sich die Bienenkönigin zu Wort: „Meiner Meinung nach sollte auf uns auch Rücksicht genommen werden. Wir Bienen sind untrennbar mit dem Wachstum der Natur verbunden.“ Jetzt redeten wieder alle Tiere durcheinander, jeder wollte sich Gehör verschaffen und die Luft war erfüllt vom Brummen, Summen, Brüllen, Kreischen und Blubbern der vielen verschiedenen Arten. „Ruhe“, gebot die Riesenschildkröte. „Ihr habt alle Recht. Wir brauchen ein Dreigestirn, das die unterschiedlichen Bereiche abdeckt. In Zukunft soll ein Team aus drei Tieren, ein Landtier, eins aus der Luft und ein Wasserlebewesen, regieren.“ Die Zuhörer pflichteten diesem Vorschlag bei. Wenig später wurde die Versammlung aufgelöst und die Umsetzung der Pläne begann. Bis zur Wahl gab es viel zu tun.

In den folgenden Tagen war es ein sehr geschäftiges Treiben im Tierreich. Schließlich galt es vieles zu bedenken, Wahlurnen mussten geschaffen werden, Wahlbriefe verschickt und Wahlhelfer bestimmt werden. Alle Tiere der Luft sollten eine Wahlurne in den Wolken erhalten, auserwählt wurde Wolke Sieben. Die Stimmzettel aller geflügelten Tiere bestanden aus großen Ahornblättern. Für die Tiere auf dem Land sollte eine Fleischfressende Pflanze als Wahlurne dienen. Die Venusfliegenfalle platzte fast vor Stolz, wie einen Augapfel würde sie die Wählerstimmen, die in Form von Baumrinde in ihr bis zur Auszählung aufbewahrt werden sollten, hüten. Und kein Tier wäre so fahrlässig, die Klappfalle zu reizen.



Als Wahlurne für alle Wassertiere wurde die Riesenmuschel bestimmt. Ganz stolz war sie über die Aufgabe, die ihr zuteil werden sollte. Und auch sie schwor, die Stimmzettel in Form von Seerosenblättern erst am Ende des Wahltages freizugeben.

Und so sollten die Land-, die Luft- und die Wassertiere jeder ihren eigenen Abgeordneten wählen.

Immer mehr nahm auch der Wahlkampf seine Form an. Mit Feuereifer warben die potenziellen Kandidaten für ihr Programm. Inhaltlich gab es dabei viele Unterschiede. „Ich sorge dafür, dass keine anderen Tiere mehr in unser Land kommen“, tönte es von der Hyäne. „Unser Land ist für uns, wir wollen beispielsweise die Affen nicht bei uns haben, ihre Kultur passt nicht zu unserer.“

Ganz anders klang es bei der Ameise: „Ich wünsche mir, dass wir alle friedlich miteinander leben. Dass jeder seine Stärken mitbringt, Große und Kleine einander achten, jeder die Möglichkeit hat, das zu tun, was er möchte.“

Und so warben der Papagei für mehr Sprachen in den Tierschulen, die Wespen für mehr Süße im Leben, der Hund versprach weniger Zäune und die Abschaffung der Leinenpflicht, der Hai wollte eine bessere Wasserqualität durch das Anpflanzen von Wasserpflanzen erreichen und gleichzeitig den Schutz der Korallenriffe vorantreiben, die Giraffe befürwortete ein Freihandelsabkommen mit den Tigern, der Delfin setzte sich für eine Schutzzone des tierischen Nachwuchses ein. Der Löwe hingegen wollte ein Fitnessstudio für Großkatzen bauen, die Anakonda stellte Plakate zum Schutz des Regenwaldes auf, das Faultier versprach 50 Wochen Urlaub im Jahr, die Bienen wollten die zulässige Höchstgeschwindigkeit für Flugtiere drosseln und angesichts des Lärmschutzes bei zu lauten Tieren einen Dämpfer einbauen lassen. Die Regenwürmer hingegen wollten durchsetzen, dass kein Tier nach dem Geschlecht beurteilt wird, sondern jedes Lebewesen neutral betrachtet wird.

Ehrgeizig verfolgte die Hyäne ihre Pläne. Sie wollte die Herrschaft zu Land an sich reißen. „Es kann nicht sein, dass uns ein Tier, das viel kleiner und schwächer ist, Befehle erteilt“, sagte sie zu ihren Artgenossen. Diese nickten zustimmend. „Stellt euch vor, die Ameise wird Vertreter der Landtiere. Das darf nicht passieren. Wir sind die wahren Könige“, stachelte die Hyäne die anderen an. „Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Ameise oder sonst jemand aus ihrer Familie zur Wahl aufstellt.“ Die Augen der Hyänen blitzten boshaft. Zu gerne schmiedeten sie Intrigen und wahren auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Flugs entstand auch ein Plan, wie sie den Ameisen den Garaus machen könnten. „Wir locken die Ameisen mit Honig von ihrem Ameisenhaufen weg. Und wenn sie ganz nah bei uns sind, dann zertrampeln wir sie einfach.“

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